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Geschichte des Unternehmens


Wilhelm Ernst Haas sen. (1787-1864) stammte aus einer bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Dillenburg nachweisbaren Familie. Sein Vater Johann Daniel Haas (1731-1798) gründete dort neben einer Wein- und Colonialwarenhandlung auch die älteste nassauische Tabakfabrik Joh. Dan. Haas. Nach seinem Tode gingen die Firmen zunächst an seine drei Söhne Johann Daniel, Johann Carl und Wilhelm Ernst über, bis Johann Daniel im Jahre 1813 das Unternehmen allein weiterführte, nachdem er seine Brüder ausbezahlt hatte. Über die Tätigkeit von Wilhelm Ernst in den folgenden Jahren ist nur bekannt, daß er ebenfalls im Bereich Weinhandel und Tabakfabrikation tätig war, bis er 1832 zusammen mit zwei Teilhabern die Tabakfabrik W. Ernst Haas & Co. gründete. Dieses Unternehmen, das er seit 1862 allein betrieb, wurde nach 1865 an die Firma Joh. Dan. Haas verkauft.

Schon früh engagierte sich Wilhelm Ernst Haas auch im Bereich des Eisenhüttenwesens. Im Jahre 1822 hatte er gemeinsam mit seinem Verwandten Ludwig August Göbel die Burger Hütte gekauft, die von nun an Göbel & Haas firmierte. Zusätzlich war Wilhelm Ernst Haas in den Jahren 1831-1838 Pächter des Herzoglich Nassauischen Eisenhammers in Niederscheld. Außerdem beteiligte er sich zeitweise an der Gewerkschaft des Schelder Eisenwerks. Seit 1852 betrieb er jedoch die Veräußerung seiner Anteile an Göbel & Haas, und kaufte schließlich am 26. Mai 1854 zusammen mit seinem Sohn Wilhelm Ernst Haas jun. (1815-1865) und dessen Ehefrau Magdalene, geb. Silbereisen (1821-1896), die Neuhoffnungshütte zum Preis von 185.500 nassauischen Gulden.

Die Neuhoffnungshütte war 1818 von dem aus Oberroßbach im Dillkreis stammenden Daniel Treupel (1766-1840) gegründet worden, nachdem er von dem herzoglich nassauischen Amt in Dillenburg die Genehmigung zur Errichtung einer Eisenhütte in der Nähe von Hof Sinn erhalten hatte. Der Standort war wegen der nahegelegenen Eisensteingruben günstig, weil die umliegenden Wälder und das Gefälle der Dill für den Betrieb der Hütte genutzt werden konnten. Nach dem Tode Daniel Treupels ging das Unternehmen auf seine Söhne Johann Heinrich und Daniel über, die das Unternehmen schließlich an die Familie Haas verkauften. Zum Zeitpunkt des Verkaufs umfaßten die Werksanlagen einen Holzkohlenhochofen, eine Eisengießerei, zwei Puddelöfen, einen Schmelzofen, ein Walzwerk, eine Reihe von Grubenfeldern und ein Wohnhaus. Die neuen Besitzer führten das Unternehmen, das von nun an unter W. Ernst Haas & Sohnä firmierte, als offene Han-delsgesellschaft, bis es in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt wurde.

Die Mitbegründerin und Mitgesellschafterin Magdalene Haas trat erst nach dem frühen Tode ihres Mannes, der seinen Vater nur um ein Jahr überlebte, offiziell in Erscheinung und bewies in der Folgezeit einen ausgeprägten Geschäftssinn. Gemeinsam mit ihrem Schwager Friedrich (Fritz) Haas, der erst seit 1859 als Gesellschafter in die Firma eingetreten war, lenkte sie in den kommenden Jahrzehnten erfolgreich die Geschicke der Hütte. Vor allem stellte sie in ihrem Testament von 1894 die Weichen für die künftige Entwicklung des Unternehmens und sorgte dafür, daß es in Familienbesitz blieb. Sie verfügte, daß sämtliche Geschäftsanteile - die Erben von Fritz Haas traten nicht in die Firma ein - auf ihre Kinder übergehen sollten. Dementsprechend verteilten sich die Geschäftsanteile auf zunächst sieben und dann, nach dem Erlöschen des einen Erbstammes, auf sechs Erbstämme. Bis zum Verkauf des Unternehmens im Jahre 1979 waren alle der zeitweise bis zu über siebzig Gesellschafter Nachkommen von W. Ernst jun. und Magdalene Haas. Auch die Geschäftsleitung lag stets in Händen der Familie, wobei die Zahl der geschäftsführenden Gesellschafter auf maximal drei begrenzt war. Auf diese Weise blieb die Neuhoffnungshütte bis zum Schluß in jeder Hinsicht ein reines Familienunternehmen mit allen Vor- und Nachteilen, die eine derart weitgehende Einflußnahme einer Familie auf ein Unternehmen mit sich bringt.

Haas & Sohn war ursprünglich vorwiegend ein Grundstoffbetrieb mit Erzbergbau auf 168 eigenen Grubenfeldern, Hochofen und Stahlwerk. Die Produktion war in der ersten Zeit aufgrund der unentwickelten Verkehrsverhältnisse und des dadurch bedingten verhältnismäßig kleinen Absatzgebietes noch recht bescheiden. Erst durch den Anschluß Sinns an die neuerbaute Bahnstrecke Deutz-Gießen der Cöln-Mindener Eisenbahngesellschaft im Jahre 1862 war es möglich, die Produktion zu steigern. In der Folge wurden die Werksanlagen ständig erweitert und 1874 durch einen eigenen Bahnanschluß ergänzt. Diese Entwicklung wurde durch den allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Deutsch-Französischen Krieg und die damit verbundene gestiegene Nachfrage nach Eisen und Eisenprodukten stark begünstigt. Die Zahl der Beschäftigten nahm nun kontinuierlich zu: Waren es im Jahr 1854 erst 70, so stieg ihre Zahl über bereits 312 im Jahr 1872 auf 605 im Jahr 1893. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges beschäftigte Haas & Sohn 856 Arbeiter und Angestellte.

Auf Dauer konnte jedoch das im Holzkohlehochofen erzeugte Roheisen nicht mit dem wesentlich billigeren Koksroheisen konkurrieren. Für den Bau eines Kokshochofens fehlte das Kapital. Hinzu kam, daß die zersplitterte Lage der Grubenfelder, die jahrzehntelang das wirtschaftliche Rückgrat des Unternehmens darstellten, einen rationellen Abbau nicht mehr zuließen. Zudem führten nicht alle Gruben so hochwertige Erze, als daß man damit noch länger der ausländischen Konkurrenz hätte begegnen können. 1892 fand daher die letzte Ofenreise des Holzkohlehochofens, des letzten seiner Art in Deutschland, statt. Obwohl das Unternehmen ohne Hochofen eigentlich kein Hüttenwerk mehr war, wurde der alte Namen beibehalten. Die Produktion verlagerte sich nun ganz auf die Weiterverarbeitung. Hier ist vor allem die 1893 aufgenommene Ofenfertigung zu nennen, mit der Haas & Sohn dank ständiger Anpassung an den jeweils neuesten Stand von Technik und Design stets führend auf dem Weltmarkt war. So entwickelte das Unternehmen auch in den 1950er Jahren trotz der Skepsis des Fachhandels und des Publikums als erster deutscher Hersteller einen ölbeheizten Zimmerofen, der dann tatsächlich zu einem großen Erfolg weren und ganz entscheidenden Anteil am Aufschwung des Unternehmens nach dem Zweiten Weltkrieg haben sollte. In der Folge wurde entsprechend den Anforderungen des Marktes die Produktpalette mit der Herstellung von Stahlheizkesseln, Stahlradiatoren, Zentralheizungen, Schnellwaschgeräten für Kraftfahrzeuge und Maschinen, Großkochanlagen, Schrankküchen, Laboreinrichtungen und anderen ständig erweitert. Die Anpassung des Produktionsprogrammes an die wechselnden Märkte bescherte dem Unternehmen kräftige Umsatzzuwächse, so daß 1970 der Umsatz 107 Millionen DM überstieg und die Zahl der Arbeiter und Angestellten einen Höchststand von 2.300 erreichte.

Natürlich blieb auch Haas & Sohn nicht von der Stahlkrise in den siebziger Jahren verschont. Die Produktion ging stark zurück, die Belegschaft mußte drastisch reduziert werden. Schließlich beschloß die Gesellschafterversammlung 1979 den Verkauf an die Deutsche Anlagenleasing (DAL) in Mainz. Diese führte die Neuhoffnungshütte 1981 in den Konkurs, in dem die noch verbliebenen 859 Beschäftigten ihren Arbeitsplatz verloren. Das Werksgelände wurde verpachtet. Der Anschlußkonkurs 1991 bedeutete das endgültige Aus für das Sinner Traditionsunternehmen.

Literatur

Ingrid Bauert-Keetman/Helmut Prawitz, Geschichte des Eisenwerkes Neuhoffnungshütte und der Firma W. Ernst Haas + Sohn in Sinn/Dillkreis, Sinn 1963.

Helmut Prawitz/Wolfgang Rathscheck, Abriß der Werksgeschichte, um 1942 (in: HWA Abt. 137, Nr. 5).

W. Ernst Haas & Sohn. Neuhoffnungshütte bei Sinn, in: Historisch-biographische Blätter. Industrie Handel und Gewerbe, Der Regierungsbezirk Wiesbaden, Berlin 1913.

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